Aus der Geschichte der Kirchengemeinde und der Pfarrkirche St. Jobst
An der Stelle der heutigen evangelischen Stadtpfarrkirche stand bereits im Mittelalter eine dem Heiligen Jobst geweihte Kapelle. Jobst – auch als Jodok(us) oder Jost bekannt – war ein Einsiedler, der im 7. Jahrhundert n. Chr. im heutigen Nordfrankreich lebte und neben Jakobus dem Älteren zu einem Patron der Pilger wurde, sodass es bis heute entlang von alten Pilgerstraßen Sakralbauten dieser Heiligen gibt.

Die Rehauer Kapelle St. Jobst unterstand zunĂ€chst der Pfarrei in Schwarzenbach an der Saale. Am 22. Mai 1470 stellte der Rat der Stadt Rehau erfolgreich den Antrag auf GrĂŒndung einer eigenen Pfarrei, sodass dieser Tag als eigentliches GrĂŒndungsdatum der Rehauer Kirchengemeinde gilt.

 Da die heutige Pfarrkirche immer noch Elemente aus dem SpĂ€tmittelalter enthĂ€lt, ist sie trotz aller Umbauten das Ă€lteste Bauwerk der Stadt. Aus vorreformatorischer Zeit stammt der Grundriss der Kirche mit dem spĂ€tgotischen Chorraum (auch Apsis genannt) sowie dem Turm an der nördlichen und der Marienkapelle (heute Taufkapelle) an der sĂŒdlichen LĂ€ngsseite. Die Ausrichtung des KirchengebĂ€udes nach Osten symbolisiert die Wendung nach Jerusalem als biblischen Ort der Auferstehung und Wiederkunft Jesu Christi. SpĂ€tmittelalterlich sind zudem das Turmportal mit dem steinernen Christuskopf sowie das aus Granit gehauene SakramentshĂ€uschen in der Apsis. Aus dem Jahr 1497 existiert auch noch die beschriftete Grabplatte des ersten Rehauer Pfarrers Hans Pehr.

 Rehau gehörte zum hohenzollerschen FĂŒrstentum Kulmbach (ab 1604 FĂŒrstentum Bayreuth), das in den entscheidenden Reformationsjahren von Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach regiert wurde, einem der Erstunterzeichner des Augsburger Bekenntnisses von 1530. Pfarrer Peter Haueisen fĂŒhrte etwa 1529 den evangelischen Glauben in Rehau ein. Theologisch wurde auch hier der Hofer Reformator Kaspar Löner (1493-1546) prĂ€gend.

 Die Ă€lteste Inschrift an der Pfarrkirche und ĂŒberhaupt an einem Rehauer GebĂ€ude ist die Jahreszahl 1607, als der Turm aufgestockt wurde. Anstelle des bisherigen pyramidenförmigen Daches bekam der Turm eine glockenförmig geschweifte Haube (sog. welsche Haube). Aus dem 17. Jahrhundert ist zudem noch der Grabstein des Pfarrers Friedrich Wohn im Chorraum erhalten, aus dem 18. Jahrhundert stammt der Grabstein des Pfarrers Andreas Benker.

 1763 verwĂŒstete erstmals ein verheerender Brand große Teile Rehaus. Auch die Pfarrkirche war davon betroffen. Die Instandsetzung des Gotteshauses fiel in die Amtszeit Erhard Friedrich Vogels von 1775 bis 1788. Er wurde zum bekanntesten Rehauer Pfarrer, weil er als vĂ€terlicher Gönner des Schriftstellers Jean Paul einen Platz in der Literaturgeschichte erhielt. Vogel prĂ€sentierte sich in Rehau als ein der AufklĂ€rung zugewandter Theologe und ging in seiner Ablehnung der althergebrachten lutherischen Lehre so weit, dass selbst sein christlicher Glaube angezweifelt wurde. Getadelt wurde er von Zeitgenossen, weil sich die Kirche wĂ€hrend seiner AmtstĂ€tigkeit eher leerte als fĂŒllte. DemgegenĂŒber finden sich Zeugnisse, die Vogels Menschenfreundlichkeit und Bildung rĂŒhmten. Er verfĂŒgte ĂŒber eine relativ umfangreiche Bibliothek, die die Aufmerksamkeit des um 13 Jahre jĂŒngeren Schwarzenbacher Pfarrersohnes Johann Paul Richter, des spĂ€teren Jean Paul, auf sich zog. Der jugendliche Jean Paul hielt sich immer wieder im Hause Vogels auf, wo er mit aufgeklĂ€rtem Gedankengut vertraut gemacht wurde und sich vom Einfluss der vom Vater vermittelten lutherischen Orthodoxie freimachen konnte. Vogels Rehauer Bibliothek bildete die Ausgangsbasis von Jean Pauls legendĂ€ren Exzerptheften. Auch wĂ€hrend seiner Studienzeit in Leipzig ließ sich Jean Paul noch BĂŒcher von Vogel zusenden. Aus den Jahren 1780 bis 1793 ist ein Briefwechsel zwischen Vogel und Jean Paul erhalten.

 Der Brand vom 6. September 1817 war noch folgenschwerer als der vorherige und zog die gesamte, inzwischen bayerisch gewordene Stadt einschließlich der Pfarrkirche in Mitleidenschaft. Mit dem Pfarrhaus, das sich bis dato im Bereich des heutigen Maxplatzes befand, verbrannten auch etliche unersetzliche KirchenbĂŒcher. Der damalige Pfarrer Johann Christian Wirth war mit dem Wiederaufbau ĂŒberfordert und verließ ein halbes Jahr spĂ€ter die Gemeinde. Überhaupt war Wirth der Gemeinde in keiner guten Erinnerung geblieben, interessierte er sich doch mehr fĂŒr GesundheitsaufklĂ€rung, Alchemie und Magie als fĂŒr das Gemeindeleben und vergeudete seine Energie damit, pietistisch-erweckliche Strömungen in zu bekĂ€mpfen. Wegen hĂ€ufigen Pfarrerwechsels gab es in der darauf folgenden Zeit keinen Geistlichen, der die Gemeinde auf lange Sicht prĂ€gte.

 Beim schachbrettartigen Wiederaufbau der Stadt bis 1824 wurde auch die Pfarrkirche einbezogen. Sie bekam einen schlichten klassizistischen Innenraum ohne Schmuck und Bildwerk sowie eine bayerisch anmutende Zwiebelhaube. Das Hauptschiff mit der Doppelempore erhielt seine im Wesentlichen bis heute existierende Gestalt, wĂ€hrend der östliche Teil der Kirche noch mehrmals einschneidende VerĂ€nderungen erfuhr. Weil man den Formen der Antike entsprechend ein rechteckiges Kirchenschiff herzustellen versuchte, wurde der Chorraum durch eine hölzerne, von einem Kanzelaltar dominierte Querwand abgetrennt. Mit dem Kanzelaltar wurde auf das Konzept der Markgrafenkirchen zurĂŒckgegriffen, das fĂŒr das frĂŒhere Doppel-FĂŒrstentum Ansbach-Bayreuth charakteristisch war und auch im Nachbarort Regnitzlosau anzutreffen ist. Die Entwicklung des Kanzelaltars war der gelungene Versuch, einer der wichtigsten Neuerungen der protestantischen Lehre eine Ă€ußere Gestalt zu geben: Die Predigt und damit das Wort der Heiligen Schrift befindet sich im Zentrum des Gottesdienstes. Das Wort Gottes steht damit fĂŒr alle sichtbar ĂŒber der VergegenwĂ€rtigung des Heilsgeschehens im Sakrament.

 Es war Pfarrer Johann Simon Keppel, der in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts den Blick des Gottesdienstbesuchers auf die schmucklose Altarwand nicht mehr fĂŒr angemessen hielt und ein eher verspieltes, neugotisches Interieur schaffen lassen wollte. Keppel war davon ĂŒberzeugt, dass eine mangelnde Ästhetik des Kirchenraumes dem geistlichen Auftrag des Pfarrers entgegenarbeiten wĂŒrde, weshalb er eine Verschönerung fĂŒr dringend geboten hielt: „Obwohl die Andacht etwas Inneres und Geistiges, so ist es doch eine Thatsache, daß die Stimmung eines Christen eine gehobene wird, wenn der Tempel, in dem seine Gebete zum Allerhöchsten emporsteigen, auch ein seinem Dienste entsprechendes Äußeres darbietet. In dieser Beziehung wird aber kein Ă€rmlicheres Gotteshaus in einer Stadtgemeinde gefunden werden als hier in Rehau.“ Mit der 1873 erworbenen Orgel war Keppels Renovierung der Pfarrkirche abgeschlossen. Der Blick in die Apsis war wieder frei; der neugotische Hochaltar sollte mit seinen Anleihen an den Stil der Renaissance an die Reformationszeit erinnern, wohingegen das Verschwinden des Kanzelaltars der neu aufgekommenen Abendmahlsfrömmigkeit entsprach: Der Altar rĂŒckte in den Mittelpunkt, die Kanzel an die Seite. Das AltargemĂ€lde stellte eine lebensgroße Jesusfigur im Nazarenerstil dar und betonte damit Christus als das Zentrum des Gottesdienstgeschehens.

 In den Anfang von Keppels Amtszeit von 1851 bis 1876 fiel die EinfĂŒhrung des neuen bayerischen Gesangbuchs, das erweckliche und hochkirchliche Elemente vereinte und stark von Wilhelm Löhe (1808-1872) beeinflusst war. Dieses Gesangbuch von 1853 bestimmte wie kein zweites den spezifisch lutherischen Charakter der Kirchengemeinde und prĂ€gte das geistliche Leben bis weit in die 1950er Jahre hinein. Auf diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass der erste Rehauer Kindergarten nach Wilhelm Löhe und die 1956 eingeweihte Zweitkirche nach Martin Luther benannt wurde. Dementsprechend stattete man Anfang des 20. Jahrhunderts die Pfarrkirche mit mannshohen GemĂ€lden aus, auf denen die Reformatoren Luther und Melanchthon abgebildet waren; letzterer hĂ€ngt heute im Treppenaufgang der Lutherkirche.

 Das geistliche Engagement Keppels zeigte sich in der von ihm angeregten GrĂŒndung eines lokalen Bibelvereins im Jahr 1858. Aufgabe des Vereins war es, jedem Gemeindeglied zu einer preiswerten Bibel zu verhelfen. Damit war die Notwendigkeit erkannt, dass jeder evangelische Christ einen eigenen Zugang zum Wort Gottes finden sollte. Nachdem immer mehr billige Bibelausgaben im Buchhandel erhĂ€ltlich waren und ĂŒberregionale Organisationen kostenlose Bibeln zu verteilen pflegten, wurde der Verein wieder aufgelöst. Aus der Zeit des Bibelvereins hat sich aber bis heute die Tradition erhalten, Trau- und Konfirmandenbibeln zu ĂŒberreichen.

 Sowohl hinsichtlich der Gestaltung der Pfarrkirche als auch im Blick auf die Frömmigkeitspraxis war Keppels TĂ€tigkeit ein in sich stimmiges Gesamtwerk: Alle Bereiche des Gemeindelebens sollten vom Geist der lutherischen Reformation durchdrungen sein. Dass dieses Luthertum kein bloßes Festhalten an Vergangenem war, zeigte das PhĂ€nomen, dass das innovative Handeln des Neuendettelsauer Pfarrers Wilhelm Löhe auch bis nach Rehau ausstrahlte. Löhe war es wie kaum einem anderen gelungen, geistliches Leben, diakonisches Wirken und missionarische Anziehungskraft zu verbinden. Als Pfarrer Johann Friedrich Munker 1893 am Schillerplatz den ersten Rehauer Kindergarten grĂŒndete, war es selbstverstĂ€ndlich, dass eine Neuendettelsauer Diakonisse aDie verĂ€nderten Lebensbedingungen angesichts der fortschreitenden Industrialisierung ließen nicht nur einen Kindergarten, sondern auch hĂ€usliche Krankenpflege notwendig werden. Pfarrer Johann Leonhard Schuster rief deshalb am 14. Februar 1902 den Diakonieverein ins Leben. Wieder war es eine Neuendettelsauer Schwester, die sich ab 1903 um die kranken Gemeindeglieder kĂŒmmerte. Weil sich immer weniger Frauen in den entsagungsvollen Dienst einer Diakonisse berufen ließen, musste die Zusammenarbeit des Diakonievereins mit Neuendettelsau 1976 eingestellt werden.

Artikel aus der Lokalpresse:

 Rehau, 4. MĂ€rz. 1903. Heute Nachmittag 4 Uhr fand in der Kleinkinderbewahranstalt dahier die feierliche EinfĂŒhrung der lĂ€ngst ersehnten Gemeinde-Diakonissin statt. Welch lebhaftes Interesse man der ThĂ€tigkeit dieser Schwester allenthalben entgegenbringt, bewies die hohe Zahl der Theilnehmer, die sich zu dieser Feier eingefunden hatten. Die Feier wurde eröffnet mit einem Choral. Hierauf nahm das Wort Herr Pfarrer Schuster zu einer Ansprache, in welcher er die neue Gemeindeschwester herzlich willkommen hieß und sie als Gehilfin und Mitarbeiterin im Weinberge des Herrn begrĂŒĂŸte. Der Herr Redner flehte Gottes reichsten Segen auf die Schwester und ihre ThĂ€tigkeit herab. Her BĂŒrgermeister Hertel begrĂŒĂŸte sodann die Schwester namens der Stadtgemeinde. Namens der Distriktsverwaltungsbehörde gab Herr Bezirksamtmann Rolze seiner Freude Ausdruck, dass die lang ersehnte Gemeindekrankenschwester nun endlich in ihren Dienst eingefĂŒhrt werden konnte. AnknĂŒpfend an die Stiftung der Kleinkinderbewahranstalt bezeichnete Herr Bezirksamtmann die EinfĂŒhrung der Gemeindediakonissin als eine weitere Etappe auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege. Er wĂŒnschte der Stadtgemeinde zu dieser neuen Schwester GlĂŒck. Herr Bezirksarzt Dr. Raab bewillkommnete die Gemeindediakonissin namens der Aerzte und gab seiner Freude Ausdruck, dass nunmehr auch in Rehau eine geordnete Krankenpflege stattfinde. Auch wir wĂŒnschen, dass sich die ThĂ€tigkeit der neuen Gemeindediakonissin, insbesondere im Dienste der Armuth, zu einer recht segensreichen gestalten möge. Die Schwester wird hier ein reiches Feld ihrer ThĂ€tigkeit finden.

 1926 war unter Pfarrer Alexander Haaß erneut eine Renovierung der Pfarrkirche nötig geworden, bei der man weitere klassizistische Baubestandteile durch gotisierende Elemente verdrĂ€ngte. Anstelle des bisherigen Westportals, das an einen antiken Tempel erinnerte, wurde der bis heute existierende wuchtige Vorbau errichtet. Um dem Chorraum ein noch gotischeres Aussehen zu geben, zog man anstelle der flachen Decke ein kĂŒnstliches Gewölbe ein. DarĂŒber hinaus wurde das AltargemĂ€lde entfernt und stattdessen eine Kanzel angebracht, in der Bilder von den vier Evangelisten eingearbeitet waren; diese GemĂ€lde hĂ€ngen derzeit in der Taufkapelle. Mit der neuen Kanzel knĂŒpfte man an den Kanzelaltar der 1820er Jahre an, wobei die rĂ€umliche Distanz zwischen Prediger und Gemeinde jetzt unnatĂŒrlich groß geworden war.

 Bleibende Bedeutung erhielt das 1930 erworbene BĂŒrgerhaus in der Friedrich-Ebert-Straße, das zum Gemeindehausumgebaut wurde. Ein weiterer Erwerb eines bereits bestehenden Anwesens fand mit dem 1964 eröffneten Hirschbergheim statt. Schon vorher ließ Pfarrer Ludwig KrĂ€mer mit Johanneshaus und Johanneskindergarten im Jahr 1952 ein Gemeindezentrum in der Siedlung entstehen. Das Pendant dazu in der ZiegelhĂŒtte wurde mit der 1956 eingeweihte Martin-Luther-Kirche geschaffen. Die zweite Pfarrstelle war bereits 1915 eingerichtet worden, welche zunĂ€chst mit sog. Hilfsgeistlichen und erst ab 1946 mit ‚richtigen’ Pfarrern besetzt wurde. Seit 1957 existiert eine dritte Pfarrstelle, die man 2004 wiederum auf eine halbe reduziert hat.

 In die Amtszeit von Pfarrer Adolf MĂŒller fiel 1970 nicht nur der erste ökumenische Gottesdienst, sondern auch die bisher letzte Umgestaltung der Pfarrkirche im Jahr 1966. Das theologische Programm, das hinter dem neugotischen Erscheinungsbild des Chorraums stand, erschien nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ in einem gesellschaftlichen Klima, in dem man „den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“ – wie die Studentenbewegung zu reimen pflegte – zu beseitigen suchte. Das kĂŒnstliche Gewölbe des Chorraums wurde nach nur 40 Jahren durch eine Kassettendecke ersetzt, die der klassizistischen Decke des Hauptschiffes leider nicht ganz gleicht. Die neue Kanzel befand sich wie ihre unmittelbare VorgĂ€ngerin an der RĂŒckseite der Apsis, wodurch die problematische Distanz zwischen Prediger und Gemeinde beibehalten wurde. Die neue AltarrĂŒckwand, das Retabel, unterschied sich von allem bisher Dagewesenen, wenngleich das Bildprogramm – Christus und die vier Evangelisten – bereits bekannter Symbolik folgte.

 Die Absicht dieser Kirchenrenovierung bestand darin, dem Chorraum ein Erscheinungsbild zu geben, das besser als die neugotische Ausgestaltung zum Kirchenschiff passen sollte. Gleichwohl ist das Retabel einschließlich der Farbgebung zu sehr den Vorstellungen der 60er Jahre verhaftet, um als bloße FortfĂŒhrung des Klassizismus des frĂŒhen 19. Jahrhunderts zu gelten. Leider fĂŒhrte die neue AltarrĂŒckwand dazu, dass ein Fenster der Apsis zugemauert werden musste. Als besonders gelungen kann allerdings die Versetzung des Altartischs, der Mensa, in die Mitte des Chorraums gelten. In ökumenischer Offenheit wird dadurch dem Abendmahlssakrament eine grĂ¶ĂŸere Bedeutung verliehen, was die zum Altar fĂŒhrenden Stufen zusĂ€tzlich betonen. Die Mensa verkommt nicht mehr zu einem an der Wand stehenden Ablage-Tisch, sondern greift in ihrer Symbolkraft auf den biblischen Opferaltar zurĂŒck, auf dem sich Christus als das „Lamm Gottes“ dahingab, um die Welt zu erlösen. WĂ€hrend das Kreuz fĂŒr Jesu einmaligen Erlösungstod steht, weist die Altarmensa, auf der das Abendmahl bereitet wird, auf die stets notwendige VergegenwĂ€rtigung dieses Heilsgeschehens hin.

 1966 vermochte die Kirchengemeinde dem Wunsch des Landesamtes fĂŒr Denkmalpflege nicht zu entsprechen, das große klassizistische Westportal der 1820er Jahre wiederherzustellen. Man wollte aus praktischen GrĂŒnden den Vorbau nicht aufgeben. Gleichwohl bilden Portale dieser Art das architektonische Hauptmerkmal der nach 1817 wieder aufgebauten Stadt Rehau.

 WĂ€hrend historische Kirchenbauten dadurch in den Rang einer SehenswĂŒrdigkeit aufsteigen, dass sie von einer bestimmten Geschichts- und Kunstepoche dominiert werden, besteht das Besondere der Rehauer Pfarrkirche darin, dass sie seit dem Mittelalter und vor allem seit dem Brand von 1817 laufend Umgestaltungen erfuhr. Da hinter sakraler Kunst und Architektur auch immer ein theologisches Programm steht, gleicht die Entwicklungshistorie der Pfarrkirche einem Durchlauf durch die Geschichte des christlichen Glaubens, insbesondere der letzten zwei Jahrhunderte. So stimmt z.B. die jeweilige Zuordnung von Kanzel und Altarmensa, bei der einmal die Kanzel und ein anderes Mal die Mensa in den Mittelpunkt rĂŒckt, mit der SpiritualitĂ€t der jeweiligen Zeit ĂŒberein. Die Betonung der Kanzel steht fĂŒr Bibelstudium und RationalitĂ€t; es wird vom Kopf her geglaubt. Die Hervorhebung der Altarmensa verweist dagegen auf Sakramentsfrömmigkeit und EmotionalitĂ€t; es wird vom Bauch her geglaubt. Dass die Lösung von 1966 gleichermaßen beides fokussiert, mag als ein Versuch gedeutet werden, die bisherigen GegensĂ€tze miteinander auszusöhnen. Da der kunstgeschichtliche und theologische Reichtum der Pfarrkirche in ihrer laufenden Umgestaltung liegt, wĂ€re es schade, wenn man dieses Gotteshaus fĂŒr immer im Zustand von 1966 belassen wĂŒrde.

GegenwĂ€rtig besteht die grĂ¶ĂŸte Herausforderung der Kirchengemeinde darin, angemessen auf den Bevölkerungsschwund zu reagieren, der auch zu einem starken RĂŒckgang an Kirchenmitgliedern fĂŒhrt. GegenĂŒber der geringer werdenden Geburtenrate und der WegzĂŒge aus beruflichen GrĂŒnden fallen die Austritte kaum ins Gewicht. Die Ă€ußere Struktur der Kirchengemeinde mit drei Sprengeln, drei Gemeindezentren und drei KindergĂ€rten rĂŒhrt aus einer Zeit, als wir noch – wie z.B. im Jahr 1970 – 7632 Mitglieder zĂ€hlten. Die Struktur der drei Sprengelzentren ist beibehalten worden, obwohl wir gegenĂŒber 1970 etwa 3000 Gemeindeglieder weniger haben (Stand Mai 2011: 4600 Menschen). Aus dem Mitgliederschwund resultiert eine Verminderung der Einnahmen aus Kirchensteuermitteln, sodass z.B. fĂŒr den GebĂ€udeunterhalt immer weniger Geld zur VerfĂŒgung steht.                        

                             Konzeption: Gerhard Gronauer
                            -Pfarrer in Rehau von 2006 bis 2009-
                            (Geschichtliche Daten wurden dem Buch von Hans Höllerich
                            “Geschichte der Kirche und Pfarrei Rehau, Rehau 1970”
entnommen.)

                            (Buch kann im Pfarramt, im Infopoint der Stadt Rehau und in der                                         Buchhandlung seitenWeise, Bahnhofstr. 4, 95111 Rehau erworben werden)